2010-06-18

An der Oberfläche gekratzt

Vor ein paar Tagen hatte TechCrunch berichtet, das Android-Team werde sich für das Ende 2010 erwartete Gingerbread vor allem die Benutzeroberfläche vornehmen. Ziel sei, Hersteller-seitige Aufsätze und Erweiterungen so unnötig wie möglich zu machen. In der Tat haben HTCs Sense, Motorolas Motoblur/Ninjablur, TouchWiz von Samsung und Sonys schöne Zugaben zum Xperia X10 bislang immer zu langen Wartereien auf neue Firmwareversionen geführt. Dem gegenüber steht aber der zum Teil erhebliche Mehrwert, den die genannten Aufsätze bieten. Diese greifen tief in das System und die mitgelieferten Anwendungen ein und ermöglichen auf diese Weise ein angenehmeres und effizienteres Arbeiten als mit einem nicht facegelifteten Androiden. Wenn nun beispielsweise die eingebaute Kontakte-Anwendung aufgebohrt wird, kann der Hersteller nicht immer auf definierte APIs zugreifen, sondern werkelt direkt an Innereien dieses Programms. Dass sich diese bei der nächsten Android-Version ändern können, ist der Hauptgrund für die oft langen Wartezeiten. Was sind typische Funktionen bzw. Bestandteile von Oberflächen-Aufsätzen?
  • Zusätzliche Widgets und Programme
  • Geänderte, erweiterte oder vollständig neue Home-Screens
  • Änderungen an Themes, Farben und Komponenten
  • Änderungen an bestehenden Apps
Bevor ich auf die einzelnen Bereiche eingehe, soll noch kurz klar gestellt werden, dass eine angepasste Firmware für ein Gerät selbstverständlich aus mehr besteht. Da müssen evtl. Gerätetreiber eingebunden und Anpassungen am Linux-Kern vorgenommen werden. Demo-Versionen und eigene Anwendungen sollen dem Benutzer zur Verfügung stehen und Farben und Logos möchten angepasst werden. Zu hoffen, dass sich die Wartezeiten auf neue Systemversionen für Telefone auf Null reduzieren, wenn es keine alternativen Oberflächen mehr gibt, ist demzufolge leider unrealistisch. Zusätzliche Widgets, Themes, Wallpapers oder Apps sind, sofern sie sauber und nur gegen öffentliche APIs programmiert werden, im Hinblick auf neue Android-Versionen unkritisch. Hersteller sollten sie über den Android Market zum Download anbieten. Google könnte hier helfen, indem man Anwendungsentwicklern die Freiheit lässt, Downloads auf bestimmte Hersteller oder Geräte zu reduzieren. Statt den bestehenden Home-Screen aufzubohren, sollten lieber komplett eigene Varianten programmiert werden. Diese könnten analog zu den eben aufgeführten Apps und Widgets über den Android Market verteilt werden. Problematisch sind also vor allem Änderungen oder Erweiterungen an Codeteilen, über die eigentlich Google die Hoheit hat. Hier wäre es wünschenswert, wenn die Hersteller entsprechende Vorschläge in das Android-Open Source-Projekt einbringen würden. Google müsste sich dann allerdings auch offen für solche Vorschläge zeigen. Tatsache ist: Änderungen an bestehenden Apps vergrößern nicht nur den Aufwand bei Updates, sondern sorgen auch für eine unter Umständen uneinheitliche Bedienung. Bleibt die Frage, welche Zukunft Oberflächen-Aufsätze haben. Für die Hersteller haben sie den Charme, sich vom Mitbewerber absetzen zu können. Auf der anderen Seite verursachen sie einen erheblichen Aufwand bei der Entwicklung, Wartung und Pflege. Und der Unmut der Anwender, lange auf neue Android-Versionen für ihr Telefon warten zu müssen, mag den einen oder anderen dazu bewegen, seine Strategie zu hinterfragen. Auf der anderen Seite stand Android immer für Offenheit. Dass die mittlerweile zahlreichen Androiden sich in mehr als nur Marginalien unterscheiden, macht das ganze Ökosystem aus meiner Sicht so charmant.

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