2012-01-05

Java auf dem Desktop

Das Java Magazin titelt in der Ausgabe  2.2012:
Java Desktop wachgeküsst
Meine spontane Reaktion, ich gebe es zu, war “Glauben die das wirklich?” Der Auslöser für die Wiedergeburt soll JavaFX 2.0 sein. Und die ehrlichen Bemühungen, die Oracle in diese Technik investiert. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob JavaFX ein nur wertiger Nachfolger von Swing ist und ob man damit tolle Apps bauen kann, oder ob damit eine neue Generation von UI Toolkits eingeläutet wird. Entscheidend allein ist, ob sich überhaupt noch jemand für klassische Desktop-Anwendungen interessiert. Ich will nun wirklich kein Wegbereiter für eine Webifizierung des Desktops sein. Ich glaube fest daran, dass “echte” Anwendungen weiterhin eine Berechtigung haben. Welcher Technologiestapel für deren Entwicklung verwendet wird, ist natürlich eine ganz andere Geschichte.
Lehnen wir uns also einmal zurück und sehen uns den Desktop im Jahr 2012 etwas genauer an. Da ist zunächst Apple. Cupertino wird zwar Mac OS X und iOS Stück für Stück einander annähern, aber bis auf weiteres setzt man umfassend auf klassische Mac-Apps. Immerhin hat Apple einen eigenen Mac App Store eröffnet und nutzt diesen sogar als Vertriebskanal für das Betriebssystem. Java wird indes mehr und mehr zu einer Randerscheinung auf dem Mac. Zum einen hinkt die Bereitstellung aktueller Java-basierter Technologien (zum Beispiel Java SE 7, aber auch JavaFX 2.0) den anderen Welten hinterher, zum anderen dürfen (zumindest Stand Januar 2012) keine Java-Anwendungen über den Cupertino-Store vertrieben werden. Selbst wenn in der Vergangenheit der Mac für Entwickler von Java-Anwendungen interessant war, so dürften die skizzierten Rahmenbedingungen die Plattform auf Dauer weniger attraktiv machen.
Die nächste bedeutende Plattform, Linux, ist zumindest was den Desktop angeht, von Heterogenität geprägt. Die auf dem Mac bis jetzt mögliche nahtlose Integration von Java-Anwendungen in das Wirtssystem war hier leider nie Realität. Auch wenn es bislang keinen bedeutenden Linux App Store gibt, so ist doch das Konzept einer zentralen Distributionsplattform viel älter (…als Apples App Stores…) – zumindest dann, wenn es ein Programm in das Repository einer der großen Distributionen schafft.
Jetzt zu Windows. Mit Windows 8 steht nicht nur Nutzern, sondern auch Entwicklern, ein Paradigmenwechsel ins Haus. Wie genau sich Microsoft die Oberfläche vorstellt, ließ die Windows 8-Preview nur erahnen. Ob die Welt dann wirklich nur noch aus kleinen bunten Kacheln besteht, wird sich zeigen. Offiziell verkündet wurde auch der neue Store, den Redmond als zentralen Vertriebsweg für Programme etablieren möchte. Ob man darüber später auch ein Office kaufen kann, bleibt bis auf weiteres unklar. Ebenso, ob sich Office bald dem Metro Style angleichen kann. Für Java-Entwickler ergeben sich daraus eine ganze Reihe von Fragen:
  • Wie passen die JRE und ggf. JavaFX in das neue Vertriebskonzept?
  • Finden Swing und ggf. JavaFX Zugang zu dem neuen UI von Windows 8 oder sind sie in der alten Desktopwelt von Windows 7 gefangen?
  • Darf man Java-Apps über den Microsoft Store vertreiben?
Oracle wirbt damit, dass Java auf mehreren Milliarden Geräten läuft. Es ist schade, dass man Suns Project Vector nicht weiter verfolgt hat. Das Java Warehouse hätte viel wahrscheinlicher zu einer Wiederbelebung von Java auf dem Desktop geführt, als das sicher gut gemeinte JavaFX 2.0.

2 comments:

  1. Sind Android-Programme nicht auch Java-Programme und ist das Smartphone/Tablet nicht auch ein Desktop? Ich finde, wenn man das bejahen kann, hat Java das Rennen auf den Desktop sehr wohl geschafft.

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  2. Das sind interessante Fragen. Für mich war "Java" gefühlsmäßig immer das gesamte Ökosystem, nicht nur die eigentliche Sprache. Mit der Idee, Smartphones und Tablets als Desktop zu sehen, habe ich offen gesagt Schwierigkeiten. Zumal ja Tablets die "post PC era" (was auch immer das sein soll ;-)) einläuten sollen...

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